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Essverhalten bei Heranwachsenden mit Typ 1 Diabetes

Ein gestörtes Essverhalten zählt zu den häufigen Gesundheitsproblemen im Kindes- und Jugendalter. Betroffen sind nach wie vor vorrangig Mädchen und junge Frauen. Heranwachsende mit Essstörungen tendieren vermehrt zu psychischen Problemen, Ängstlichkeit und Depression. Die körperlichen Langzeitfolgen können schwerwiegend sein.


Junge Familie mit Kindern

Zu den häufigsten Problemen im Kindes- und Jugendalter zählt ein gestörtes Essverhalten. (Bild: BlueSkyImages - Fotolia.com)

Essstörungen sind für Menschen mit Diabetes besonders gefährlich

Die Essstörungen umfassen ein großes Spektrum. Weit verbreitet ist vor allem die Bulimie: Nach unkontrollierten Essanfällen wird versucht, die überschüssigen Kalorien durch Diäten, Erbrechen oder exzessiven Sport loszuwerden. Für Menschen mit Diabetes ist dieses Verhalten besonders gefährlich. Sie riskieren durch schwankende Blutzuckerspiegel deutlich früher Folgeschäden an Gefäßen, Augen, Nieren oder Nerven. Außerdem wird bei manchen essgestörten Patienten mit Diabetes das sogenannte „Insulin-Purging" beobachtet: Sie spritzen sich gezielt zu wenig Insulin, um abzunehmen. Weniger Insulin führt zu mehr Glukose im Blut und schließlich zur Ausscheidung von Kalorien aus Glukose über den Urin. Die Betroffenen verlieren zwar an Gewicht, verfehlen aber das Ziel einer optimalen Stoffwechselkontrolle - mit unter Umständen langfristig fatalen Folgen.

Eine deutschlandweite Studie hat Daten zu Symptomen einer Essstörung bei 629 jugendlichen Patienten mit einem Typ 1 Diabetes erhoben. Das Durchschnittsalter betrug 15,3 Jahre, und bei allen Patienten war die Diabetes-Erkrankung seit mindestens zehn Jahren bekannt. Als Vergleichsgruppe dienten 6.813 Kinder und Jugendliche ohne Diabetes aus der KiGGS (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland).

Um die Jugendlichen mit Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten zu erfassen, wurde der sogenannte SCOFF-Fragebogen eingesetzt. Es sollten die folgenden fünf Fragen beantwortet werden:

    1. „Übergibst du dich, wenn du dich unangenehm voll fühlst?"
    2. „Machst du dir Sorgen, weil du manchmal nicht mit dem Essen aufhören kannst?"
    3. „Hast du in der letzten Zeit mehr als 6 kg in drei Monaten abgenommen?"
    4. „Findest du dich zu dick, während andere dich zu dünn finden?"
    5. „Würdest du sagen, dass Essen dein Leben sehr beeinflusst?"
Wenn mindestens zwei dieser fünf Fragen mit „Ja" beantwortet werden, besteht der Verdacht auf ein gestörtes Essverhalten. Für Patienten mit Typ 1 Diabetes fügten die Wissenschaftler zusätzlich noch eine Frage zur Minderung der Insulindosis ein, um herauszufinden, wie häufig die Jugendlichen weniger Insulin spritzen als für die aufgenommenen Kohlenhydrate erforderlich wäre.

Jeder fünfte Jugendliche spritzt mindestens dreimal pro Woche zu wenig Insulin

Die Auswertung der SCOFF-Fragebögen ergab keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Jugendlichen mit und ohne Typ 1 Diabetes. Ein auffälliges Ergebnis - und damit einen Hinweis auf eine Essstörung - zeigten 31,2% der weiblichen und 11,7% der männlichen Patienten mit Diabetes. In der Vergleichsgruppe (Jugendliche ohne Diabetes) waren es 28,9% (Mädchen) und 15,2% (Jungen). Jedoch berichteten 20,5% der weiblichen und 18,5% der männlichen Diabetes-Patienten, mindestens dreimal pro Woche zu wenig Insulin zu spritzen - entsprechend schlechter waren die HbA1c-Durchschnittswerte dieser Jugendlichen.

Fazit:
Jugendliche mit frühem Krankheitsbeginn eines Typ 1 Diabetes haben gegenüber Gleichaltrigen ohne Diabeteserkrankung kein erhöhtes Risiko für ein gestörtes Essverhalten. Allerdings kommt es relativ häufig vor, dass Heranwachsende mit Typ 1 Diabetes zu wenig Insulin spritzen oder Insulindosen auslassen - auch bei der Insulinpumpentherapie. Dieses Verhalten wirkt sich nachteilig auf die Blutzuckerkontrolle aus und kann langfristig mit einer erhöhten Rate an schweren Komplikationen wie Nieren- und Herzkreislauferkrankungen einhergehen. Dieses Problem sollte in der Diabetesversorgung noch stärker als bisher berücksichtigt werden.

Dr. med. Anja Lütke, Ratekau, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Quelle:
Baechle C et al. Is disordered eating behavior more prevalent in adolescents with early-onset type 1 diabetes than in their representative peers? Int J Eat Disord 2014; 47: 342-52

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