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Ist Übergewicht erblich?

(23.02.2010) Starkes Übergewicht gilt als eines der größten Gesundheitsprobleme der heutigen Zeit. Besonders alarmierend dabei ist: Auch die Zahl der übergewichtigen Kinder nimmt immer weiter zu. Zwischen 2003 und 2006 wurden gut ein Drittel der US-Kinder als fettleibig oder übergewichtig diagnostiziert -Tendenz steigend. Und nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt. Gerade bei Kindern haben Übergewicht und Adipositas, so der wissenschaftliche Name für sehr starkes Übergewicht/Fettleibigkeit, weit reichende Folgen. Denn aus einem dicken Kind wird überdurchschnittlich häufig auch ein beleibter Erwachsener. Und damit steigt das Risiko für bestimmte Krebsarten, Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes im späteren Leben.





Foto: Techniker Krankenkasse/Michael Zapf

Es ist daher wichtig, die Entstehung von Fettleibigkeit in der Kindheit zu verstehen. So könnte frühzeitig eingegriffen werden - bevor irreversible Gesundheitsschäden entstehen. Eine Forschergruppe um Karri Silventoinen an der Universität von Helsinki hat dafür Zwillings- und Adoptionsstudien gesammelt und analysiert, die sich mit der Fettleibigkeit im Kindesalter befassen. Die Wissenschaftler prüften, ob sich der Einfluss von genetischen und Umweltfaktoren auf den Body Mass Index - das Verhältnis von Größe und Gewicht zueinander - im Laufe der Kindheit ändert. Das Ergebnis veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift International Journal of Obesity.

Die finnischen Forscher untersuchten neun Zwillings- und fünf Adoptionsstudien. Gerade Studien mit Zwillingen ermöglichen genauere Tests darüber, wie sehr Gene und Umwelt die Entwicklung beeinflussen. Eineiige Zwillinge verfügen über genau die gleichen Gene, zweieiige sind, wie Bruder und Schwester, genetisch verschieden. Da sie aber zugleich geboren wurden und meist im gleichen Haushalt aufgewachsen sind, kann davon ausgegangen werden, dass auch ihre Ernährung ähnlich war. So lassen sich Unterschiede bestimmen und es können Aussagen darüber gemacht werden, welcher Anteil des Unterschiedes auf die Umwelt und welcher auf die Gene zurückzuführen ist.

Die Wissenschaftler in Helsinki betrachteten bei ihrer Untersuchung den Body Mass Index (BMI) bei Kindern und Jugendlichen zwischen einem und 18 Jahren. Für ihre Auswertung bestimmten sie die Erblichkeit des BMI: Durch mathematische Analysen kann der genetische Anteil - die Heritabilität - an der Entwicklung von starkem Übergewicht näherungsweise bestimmt werden. Ohne Umwelteinflüsse müssten eineiige Zwillinge identische Messwerte und eine Heritabilität von 1,00 haben. Abweichungen von diesem Wert führen Wissenschaftler dann auf den Einfluss von Umweltfaktoren zurück.

Beim Auswerten der Zwillingsstudien kamen die Forscher zu dem Schluss: Sowohl Gene als auch Umwelt beeinflussen den Body Mass Index in der Kindheit - aber gerade der Einfluss der Umwelt ist nicht zu jeder Zeit in der Entwicklung gleich groß. Während genetische Faktoren in jedem Alter die Körpermasse erheblich mitbestimmen, ist das bei Umwelteinflüssen nur bis zum 13. Lebensjahr der Fall. Danach schwindet der Einfluss. Die Wissenschaftler erklären sich das mit der zunehmenden Unabhängigkeit von Jugendlichen: Die Loslösung von Eltern und familiärer Umgebung könnte zu einem veränderten Essverhalten und anderen Bewegungsgewohnheiten führen. Die Auswertung der Adoptionsstudien untermauerte für die Forscher die Rolle der familiären Umgebung bei der Entwicklung kindlicher Fettleibigkeit: Die Wissenschaftler stellten einen Zusammenhang zwischen übergewichtigen Adoptivkindern und deren Adoptiveltern fest - wenn auch die Korrelationen zwischen Eltern und leiblichen Kindern immer noch wesentlich stärker war.

Künftig werden weitere Zwillingsstudien benötigt, um eine vollständige Analyse des Zusammenhangs von Genen und Umwelt auf die Entwicklung von starkem Übergewicht zu ermöglichen.


Sandra Busch, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle:
K Silventoinen et al, The genetic and environmental influences on childhood obesity: a systematic review of twin and adoption studies. International Journal of Obesity 34: 29-40, 2010

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