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Helfen Gentests das Risiko für einen Typ 2 Diabetes besser zu bestimmen?

(14.01.2010) Der Typ 2 Diabetes besitzt eine starke genetische Komponente, die über viele Jahre hinweg unverstanden blieb. Internationale Kooperationsprojekte führten jedoch in den letzten Jahren zu wesentlichen neuen Erkenntnissen, so dass wir nun ein erstes Bild von der komplexen genetischen Architektur des Typ 2 Diabetes haben. Zurzeit sieht es so aus, dass relativ viele Gene (im Augenblick sind etwa 30 beschrieben) mit dem Risiko für einen Typ 2 Diabetes verbunden sind.




Viele der Risikogenvarianten sind recht häufig und bei über 50 % der Bevölkerung vorhanden. Allerdings weisen diese Risikogenvarianten relativ schwache Effekte auf und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen Typ 2 Diabetes zu bekommen, um nur etwa 5-40 %. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die derzeit bekannten Genvarianten weniger als 10 % der erblichen Komponente des Typ 2 Diabetes erklären können.

Es ist interessant, dass die meisten Diabetesrisikogene eine Rolle in der Entwicklung der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) und in der Regulation der Insulinfreisetzung sowie der Betazellfunktion spielen. Für die Insulinresistenz konnten bislang nur wenige Risikogene gefunden werden. Daher ist es für die genetische Vorbelastung wahrscheinlich entscheidend, ob die Leistungsfähigkeit der insulinproduzierenden Betazellen von Geburt an leicht eingeschränkt ist und ob die Betazellfunktion im Erwachsenenalter auch bei ungesundem Lebensstil und Übergewicht aufrechterhalten werden kann.

Ein wichtiger Schwerpunkt bei den neueren genetischen Untersuchungen bestand in der Klärung der Frage, ob genetische Tests helfen können, das Risiko für einen Typ 2 Diabetes besser bestimmen zu können. Hier zeigen die verschiedenen Studien ein sehr einheitliches Bild: Personen mit vielen Risikogenvarianten haben ein höheres Diabetesrisiko als Personen mit weniger Risikogenvarianten [Cauchi 2008, Lango 2008, van Hoek 2008, Lyssenko 2008, Meigs 2008, Lin 2009]. Der Vergleich des Vorhersagewertes aus diesen genetischen Daten mit der Vorhersage durch bekannte, nicht-genetische Risikofaktoren, wie etwa Übergewicht, war relativ enttäuschend. Es zeigte sich zwar, dass genetische Daten zu 10-20 Risikovarianten einen schwachen prädiktiven Wert haben, also einen Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit einer Typ 2 Diabetes Erkrankung geben. Jedoch können sie einen deutlich geringeren Teil des Diabetesrisikos erklären als die einfache Kombination von Alter, Geschlecht und Body Mass Index als Risikofaktoren [van Hoek 2008, Lyssenko 2008].

Insgesamt können genetische Daten die Vorhersage durch einfache, in der klinischen Routine gut erfragbare und messbare Parameter statistisch signifikant verbessern, aber dieser Unterschied ist so gering, dass er klinisch nicht von Bedeutung ist. Dieser Befund beruht auf Studien in den Niederlanden [van Hoek 2008], in Skandinavien [Lyssenko 2008], in der Schweiz [Lin 2009] und in den USA [Meigs 2008].

Als Fazit kann somit festgehalten werden, dass einfache bekannte Größen wie Alter, Übergewicht und positive Familienanamnese von größerem Nutzen für die Abschätzung des individuellen Risikos für den Typ 2 Diabetes sind als genetische Daten. Der Einsatz und die kommerzielle Vermarktung von Gentests für den Typ 2 Diabetes zeigen sich daher als nicht zweckmäßig. Zukünftige Studien werden zeigen müssen, ob ein besseres Verständnis der genetischen Vorbelastung (Prädisposition) und eine Berücksichtigung der Wechselwirkung mit Lebensstilfaktoren zu klinisch relevanteren Ergebnissen führen können. Zudem wird es wichtig sein zu erforschen, welche Auswirkungen das Wissen um das genetische Risiko für die einzelnen Personen hat. Bislang ist unklar, ob die Information über hohes oder niedriges genetisches Risiko zu gewünschten oder möglicherweise auch ungünstigen Verhaltensänderungen führen wird.


Dr. phil. nat. Christian Herder, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Literatur
Cauchi S, Meyre D, Durand E, et al. (2008) Post genome-wide association studies of novel genes associated with type 2 diabetes show gene-gene interaction and high predictive value. PLoS One 3:e2031

Lango H, UK Type 2 Diabetes Genetics Consortium, Palmer CN, et al. (2008) Assessing the combined impact of 18 common genetic variants of modest effect sizes on type 2 diabetes risk. Diabetes 57:3129-3135

van Hoek M, Dehghan A, Witteman JC, et al. (2008) Predicting type 2 diabetes based on polymorphisms from genome-wide association studies: a population-based study. Diabetes 57:3122-3128

Lyssenko V, Jonsson A, Almgren P, et al. (2008) Clinical risk factors, DNA variants, and the development of type 2 diabetes. N Engl J Med 359:2220-2232

Meigs JB, Shrader P, Sullivan LM, et al. (2008) Genotype score in addition to common risk factors for prediction of type 2 diabetes. N Engl J Med 359:2208-2219 (Erratum in: N Engl J Med 2009;360:648)

Lin X, Song K, Lim N, et al. (2009) Risk prediction of prevalent diabetes in a Swiss population using a weighted genetic score-the CoLaus Study. Diabetologia 52:600-608

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