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Schwere Unterzuckerungen und kognitive Verschlechterungen bei älteren Diabetikern

(27.11.2009) Inwiefern Hypoglykämien einen nachteiligen Effekt auf die Funktionen des Gehirns haben, wird kontrovers diskutiert. Es existiert eine Vielzahl an Studien, welche keine Verschlechterung der kognitiven Leistungen feststellen konnten, jedoch gibt es Hinweise, dass sich diese Situation bei älteren Menschen ändert.





Foto: Techniker Krankenkasse

Ein australisches Forscherteam untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Auftreten schwerer Hypoglykämien und der kognitiven Verschlechterung bei älteren Patienten mit einer Diabetes-Erkrankung. Schwere Unterzuckerungen sind durch die notwendige Inanspruchnahme von Fremdhilfe definiert. Als „kognitiv“ werden Funktionen bezeichnet, die mit Wahrnehmung, Lernen, Erinnern und Denken, also der menschlichen Erkenntnis- und Informationsverarbeitung in Zusammenhang stehen. Demenz-Erkrankungen gehen beispielsweise mit erheblichen kognitiven Störungen einher, jedoch können sich kognitive Funktionen auch verschlechtern, ohne dass eine Demenzerkrankung vorliegt.

Es wurden insgesamt 302 an einem Diabetes erkrankte Patienten mit einem Mindestalter von 70 Jahren untersucht, bei denen eine Demenz oder eine kognitive Verschlechterung ohne Demenz vorlag, sowie eine Teilprobe von 205 Patienten ohne Demenzerkrankung, bei welchen die kognitiven Verschlechterungen protokolliert wurden. Die Berichte über die Anzahl der schweren Unterzuckerungen stammten von den Patienten selbst sowie aus ärztlichen Aufzeichnungen.

Bei allen 302 Patienten kamen insgesamt drei Testverfahren zur Anwendung:
Die so genannte „Mini-Mental State Examination“ (MMSE) ist das am häufigsten verwendete Screeningverfahren für Gedächtnisstörungen. Bei dem „Informant Questionnaire on Cognitive Decline in the Elderly“(IQCODE), ein so genanntes Fremdbeurteilungs-Screeningverfahren, geben enge Bezugspersonen wie Angehörige Auskunft über den Betroffenen. Als dritter Test wurde ein subjektiver Gedächtnistest verwendet.

Anhand der vorliegenden Daten sollten folgende Fragen erörtert werden:

  • Existieren Zusammenhänge zwischen schweren Hypoglykämien und dem kognitivem Status?
  • Sagen Hypoglykämien in der Vergangenheit eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen voraus?
  • Können durch die Erfassung des kognitiven Status Patienten identifiziert werden, die durch schwere Hypoglykämien gefährdet sind?

Als unabhängige Risikofaktoren für schwere Hypoglykämien wurden zunächst ein Body Mass Index <22 kg/m2, die Therapie mit Insulin, Demenzerkrankungen, als auch kognitive Verschlechterungen (ohne Vorliegen einer Demenz) sowie das Unvermögen zum medikamentösen Diabetes-Selbstmanagement identifiziert. Eine signifikante Korrelation zwischen früher stattgefundenen Unterzuckerungen, der Inanspruchnahme von Fremdhilfe sowie einer kognitiven Verschlechterung konnte nicht nachgewiesen werden.

Schlussfolgerung:
Demenzerkrankungen stellen einen wichtigen Risikofaktor für eine schwere Hypoglykämie dar, welche häufig die Inanspruchnahme von Fremdhilfe notwendig macht. Diese Studie liefert im umgekehrten Falle jedoch keine Beweise dafür, dass Hypoglykämien einen Beitrag zur Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten bei älteren Patienten leisten. Für die Praxis bedeutet dies, dass Tests für kognitive Fähigkeiten hilfreich sein können, um Patienten zu identifizieren, welche von einer intensivierten Behandlung und von einer verstärkten Überwachung des Blutzuckerspiegels profitieren, um das Risiko für schwere Hypoglykämien zu reduzieren.


Gunilla Erdmann, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Bruce et al. Severe hypoglycaemia and cognitive impairment in older patients with diabetes: the Fremantle Diabetes Study. Diabetologia. 2009 Sep;52(9):1808-15

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