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Auch leichter Schwangerschaftsdiabetes sollte behandelt werden

(12.11.2009) In den USA erkranken bis zu 14 Prozent aller Schwangeren an Diabetes, in Deutschland werden etwa vier Prozent diagnostiziert. Allerdings gibt es hierzulande keine flächendeckende Untersuchung aller Schwangeren, so dass die Dunkelziffer von leichtem Schwangerschaftsdiabetes um einiges höher liegen kann. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob eine Behandlung des leichten Schwangerschaftsdiabetes zu geringeren Geburtskomplikationen und besserer Gesundheit von Mutter und Kind führt, besonders interessant.


Schwangere Frau

Von 100 Schwangeren sind etwa 4 Frauen von einem Gestationsdiabetes betroffen

Hinweise zu dieser Fragestellung gibt eine aktuelle amerikanische Studie mit 958 Frauen: Diejenigen, welche während ihrer Schwangerschaft eine Diabetesbehandlung in Form spezieller Diät, häufigen Blutzuckerkontrollen und gegebenenfalls Insulingaben erfuhren, zeigten deutlich weniger Geburtskomplikationen als die Frauen der Kontrollgruppe, welche ohne besondere Diabetesbehandlung regulär in ihrer Schwangerschaft betreut wurden.

In den Jahren zwischen 2002 und 2007, wurden nur ansonsten gesunde Frauen zwischen der 24. und 31. Schwangerschaftswoche berücksichtigt, welche erstmals während der Schwangerschaft einen Diabetes entwickelten. Ein milder Schwangerschaftsdiabetes wurde anhand eines oralen Glukose-Toleranztests (100 g Glukose auf nüchternem Magen) folgendermaßen definiert: Nach einer Stunde Blutglukosewerte von 180 mg/dl (10,0 mmol/l), nach zwei Stunden 155 mg/dl (8,6 mmol/l) und nach drei Stunden 140 mg/dl (7,8 mmol/l). Nur Frauen mit diesen Werten nahmen an der Studie teil. Nach einem randomisierten Verfahren wurden die Frauen in zwei Gruppen eingeteilt: 485 Frauen maßen mehrmals täglich ihren Blutzucker selbst und wurden mit Diät und Insulingaben bei Bedarf behandelt, bei 475 Frauen wurde der Blutzucker nur bei klinischen Symptomen überprüft und bei Werten über 160 mg/dl (8,9 mmol/l) behandelt, ansonsten erfuhren sie die normale Schwangerschaftsvorsorge in der Kontrollgruppe.

Das Hauptaugenmerk dieser Studie lag auf der Erfassung der Todesfälle und Komplikationen, wie Hypoglykämie, Hyperbilirubinämie, neonatale Hyperinsulinämie und Geburtstraumata, die um den Geburtszeitpunkt herum stattfanden. Todesfälle kurz vor oder nach der Geburt kamen in keiner der beiden Gruppen vor, die anderen genannten Merkmale unterschieden sich nicht signifikant.

Erheblich deutlicher waren die Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich sekundärer Parameter wie erhöhtes Geburtsgewicht (> 4000 g), überdurchschnittlich große Neugeborene, Schulterdystokien (eine Einklemmung der Schulter mit möglicher Verzögerung der Geburt, durch die dem Kind ein Sauerstoffmangel droht) und Kaiserschnittrate. Die behandelten Frauen hatten jeweils deutlich weniger Kinder über 4000 g, als die Frauen der Kontrollgruppe (5,9 % zu 14,3 %) und dementsprechend weniger überdurchschnittlich große Kinder, die Zahl der Kaiserschnitte war niedriger (26,9 % zu 33,8 %), ebenso traten weniger als halb so viele Schulterdystokien auf (1,5 % zu 4,0 %). Die Frauen selbst litten fast ein Drittel weniger an einer Präeklampsie, der so genannten Schwangerschaftsvergiftung, oder Bluthochdruck, wenn ihr Schwangerschaftsdiabetes behandelt wurde (8,6 % zu 13,6 %). Alle diese Unterschiede sind signifikant.

Wie auch in der ACHOIS-Studie („Australian Carbohydrate Intolerance Study in Pregnant Women“) von 2005 sind die metabolischen Effekte wie Hypoglykämie und Hyperbilirubinämie in den Neugeborenen nicht durch entsprechende Diät und Insulingaben der Mutter vermeidbar. Schulterdystokien und maternale Präeklampsien sind auch bei ACHOIS signifikant seltener, wenn ein milder Schwangerschaftsdiabetes behandelt wurde.

Sowohl die Ergebnisse von ACHOIS als auch von dieser Studie sind ein weiterer Beweis für die Vorteile der Behandlung eines milden Schwangerschaftsdiabetes. Sie ergänzen die HAPO Studie („Hyperglycemia and Adverse Pregnancy Outcome“), welche die Entwicklung international einheitlicher Diagnose- und Behandlungsstandards von Schwangerschaftsdiabetes zum Ziel hat.

Dr. Karen Schemken, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Mark B. Landon et al., A Multicenter, Randomized Trial of Treatment for Mild Gestational Diabetes, NEJM 2009; 361: 1339 – 1348.

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