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Welche Rolle spielt der HbA1c-Wert heute für die Diabetes-Diagnostik?

(26.08.2009) Die Diabetes-Erkrankung bedeutet einen veränderten Stoffwechsel mit deutlich erhöhten Blutzuckerwerten und einem damit verbundenen erhöhten Risiko für Spätfolgen an Augen, Nieren und Nervensystem. Bei Typ 1 Diabetes beginnt die Krankheit mit plötzlich stark erhöhten Blutzuckerwerten und akuten spezifischen Symptomen, die eine sofortige Insulintherapie nach sich ziehen. Im Gegensatz dazu beginnt der Typ 2 Diabetes schleichend und mit langsam steigenden Werten, sodass die Diagnose über festgelegte Referenzwerte gestellt wird und nur mit den entsprechenden Laboruntersuchungen gesichert werden kann. Fast immer wird hierfür die Blutglukosekonzentration zu verschiedenen Zeitpunkten bestimmt, etwa morgens auf nüchternem Magen (FPG = Fasting Plasma Glucose) oder nach streng geregelten Schemata wie bei dem Oralen Glukose-Toleranz-Test (OGTT).





Foto: DRK

Seit der Empfehlung einer Amerikanischen Diabetes-Vereinigung aus dem Jahr 1979 gelten erhöhte Blutglukose-Werte als Hauptkriterium für die Diagnose Diabetes, obwohl es keine klare Trennlinie zwischen normalen und krankhaft veränderten FPG- oder OGTT-Werten gibt. Um auch diesen Graubereich abzudecken, wurde eine Diabetes-Risiko-Gruppe eingeführt, welche nur leicht erhöhte Werte hat (FPG bis 140 mg/dl oder 7,8 mmol/ l) und noch keine klinischen Symptome zeigt.

1997 wurden diese Kriterien von einem Internationalen Experten-Komitee erneut überprüft und überarbeitet. Die Analyse verschiedener Studien ergab einen unübersehbaren Zusammenhang zwischen den Auftreten einer Retinopathie und erhöhten Blutzuckerwerten. Allerdings wurden diesmal nicht nur FPG und OGTT berücksichtigt, sondern auch der HbA1c-Wert, welcher Aufschluss über den mittleren Blutzuckerspiegel der letzten 2 bis 3 Monate gibt. Der FPG-Grenzwert von 140 mg/dl war offensichtlich zu hoch angesetzt und wurde auf 126 mg/dl (7,0 mmol/l) korrigiert, nichtsdestotrotz räumte das Komitee mangelnde Übereinstimmung zwischen einer Diagnosestellung mit FPG und OGTT ein.

Weiteren Studien zufolge ist der HbA1c-Wert strenger mit Retinopathien korreliert als der FPG-Wert und somit zuverlässiger. Trotzdem stimmte 1997 das Komitee gegen die HbA1c-Messung zur Diabetes-Diagnostik, weil es für diese Messung noch keine standardisierte Analysemethode gab.

Mittlerweile sind internationale Standards für die HbA1c-Messung eingeführt worden, mittels derer das Präzisions-Niveau herkömmlicher Glukosemessungen erreicht werden konnte.

Darüber hinaus gibt es potentielle Fehlerquellen bei der Messung von FPG und OGTT, die beim HbA1c nicht vorkommen, wie etwa die Lagerung der Probenröhrchen bei Zimmertemperatur: Nur wenige Stunden reichen und die gemessenen Werte sind falsch erniedrigt. Weitere Vorteile der HbA1c-Messung sind geringere Schwankungen durch tagesabhängige Einflüsse, sowie die leichtere Probenentnahme, welche jederzeit ohne weitere Vorbereitung möglich ist. Für Patienten ist die HbA1c-Messung mit weniger Aufwand verbunden, da keine bestimmten Blutentnahme-Zeiten eingehalten werden müssen.

Der HbA1c-Wert, ab welchem Diabetes diagnostiziert wird, wurde anhand der Daten von rund 28000 Patienten mit Retinopathie und erhöhten Blutzuckerwerten ermittelt, er liegt bei 6,5%.

Allerdings gibt es Einschränkungen, in denen die HbA1c-Messung nicht zur Diabetes-Diagnostik herangezogen werden darf. Hierzu zählen insbesondere Zustände, bei welchen das rote Blutbild verändert ist, wie hämolytische Anämie, chronische Malaria, große Blutverluste oder Bluttransfusionen. In der Schwangerschaft kann embryonales Hb zu falsch gemessenen HbA1c-Werten führen. Auch andere Hb-Untergruppen wie HbS, HbC oder HbF können den Test verfälschen. Es gibt aber Nachweismethoden, welche die jeweiligen Untergruppen herausfiltern. Zwar ist bekannt, dass zum einen der HbA1c-Wert im Alter ansteigt und es zum anderen ethnische Unterschiede gibt, aber um welchen Faktor demnach korrigiert werden müsste, ist bislang noch unklar.

Das Internationale Experten-Komitee empfiehlt nun die Messung des HbA1c-Wertes zur Diabetes-Diagnosestellung, sofern keine Veränderungen des roten Blutbildes vorliegen. Liegt der HbA1c-Wert bei 6,5 % oder darüber, so läge ein Diabetes vor, der durch einen weiteren HbA1c-Test bestätigt werden sollte. Eine Bestätigung würde sich bei Blutzuckerwerten über 200 mg/dl oder einer eindeutigen klinischen Symptomatik erübrigen. Wenn eine HbA1c-Messung nicht durchführbar ist, etwa aus Kostengründen oder mangels entsprechender Laborausstattung, würde nach wie vor die FPG- und OGTT- Messung gelten. Sogenannte Risikogruppen mit einem HbA1c-Wert zwischen 6,0 und kleiner als 6,5 % sollten über vorbeugende Maßnahmen wie gesunde Ernährung, gegebenenfalls Gewichtsreduktion und mehr Bewegung aufgeklärt werden. Diese Empfehlungen bilden die Grundlage einer weiterführenden Diskussion, jedoch keine von den großen internationalen Fachgesellschaften getragene Neuorientierung der bisherigen Diagnosekriterien.


Dr. Karen Schemken, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: International Expert Committee (David M. Nathan et al.): International Expert Committee Report on the Role of the A1C-Assay in the Diagnosis of Diabetes, Diabetes Care July 2009 32:1327-1334

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