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Wie hoch ist das Risiko, eine Störung des Zuckerstoffwechsels zu bekommen?

(10.06.2009) Der Typ 2 Diabetes nimmt in der Bevölkerung immer mehr zu, ebenso wie die Häufigkeit der Vorstufen des Diabetes. In welchem Ausmaß und in welchem Zeitraum sich die Diabetesvorstufen zu einer manifesten Zuckererkrankung entwickeln ist jedoch bisher nur teilweise untersucht.




Neue Zahlen zur Risikoeinschätzung Diabetes
Foto: Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Die Inter99-Studie ist die erste europäische bevölkerungsbezogene Studie, die ein Voranschreiten von normaler zu gestörter Glukosetoleranz bzw. zum Typ 2 Diabetes untersucht hat. Bisher gab es lediglich ältere Studien aus Europa, die jeweils unterschiedliche Kriterien genutzt haben, um den Diabetes zu definieren. Genaue und aktuelle Zahlen darüber, wie häufig sich Störungen des Zuckerstoffwechsels bei Gesunden entwickeln, sind essentiell um die zukünftigen Belastungen durch den Diabetes für das Gesundheitssystem abschätzen zu können.

In der Inter99-Studie wurden 6.906 Frauen und Männer im Alter von 30-50 Jahren untersucht und 5 Jahre später erneut befragt. Zu Beginn der Studie bestand die Studiengruppe aus 414 Personen mit einer isolierten Erhöhung der Nüchternglukose (sog. „impaired fasting glucose“ – IFG), 433 Personen mit einer isolierten Störung der Glukosetoleranz (sog. „impaired glucose tolerance“ – IGT), d. h. einem erhöhten Blutzuckerwert 2 Stunden nach einem Blutzuckerbelastungstest und 169 Personen mit einer kombinierten Störung (IFG und IGT). Von den Teilnehmern bei der Basisuntersuchung wurden 4.615 (76,8 %) nach 5 Jahren nochmals untersucht.

Ausgehend von einer normalen Glukosetoleranz betrug die Fortschreitungsrate (Progressionsrate) zu einer Glukosestoffwechselstörung (IFG, IGT oder IFG+IGT) 1,9 % pro Jahr, die Progression zu einer IGT allein 1,2 % pro Jahr, während die Progression zu einem Diabetes bei 0,3 % pro Jahr lag. Eine isolierte IFG bzw. IGT schritt bei 1,2 % bzw. 0,7 % der Untersuchten pro Jahr zu einer kombinierten Störung voran, zu einem Diabetes bei 2,5 % bzw. 3,8 %. Lag bereits eine kombinierte Störung vor, stieg die Progressionsrate auf 9,3 von 100 Personen pro Jahr.

Personen mit einem hohen Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung, d. h. Raucher, Personen mit Bluthochdruck oder erhöhten Cholesterinwerten sowie Übergewicht oder bekannter Glukosestoffwechselstörung, hatten ein nochmals erhöhtes Risiko. In dieser Gruppe entwickelten 5,5 % pro Jahr derjenigen Patienten mit einer normalen Glukosetoleranz bei der Basisuntersuchung in den 5 Jahren eine Störung, 0,4 % einen Diabetes. Bei isolierter IFG oder IGT lag die Progression zur kombinierten Störung oder zu Diabetes bei 8,1 % bzw. 6,4 % pro Jahr, zum Diabetes allein bei 3,7 %.

Diese aktuellen Zahlen zeigen eine Progression von normaler Glukosetoleranz zu einer Störung des Glukosestoffwechsels von ca. 2 % im Jahr in einer relativ jungen Bevölkerungsgruppe. Durch das Vorliegen weiterer Risikofaktoren im Sinne eines metabolischen Syndroms wird diese Progressionsrate nochmals etwas mehr als verdoppelt.

Kommentar:
Die beobachteten Progressionsraten sind höher als in anderen europäischen Studien, die ebenfalls die gleiche Diabetesdefinition genutzt haben. Dies mag an der relativ geringen Progression zum Diabetes liegen, der eine hohe Progressionsrate zur gestörten Glukosetoleranz entgegensteht. Das bekannte Muster des Voranschreitens zum Diabetes – die höchste Progressionsrate ausgehend von einer kombinierten Störung, die niedrigste ausgehend von einer normalen Stoffwechsellage und die isolierten Störungen im Zwischenbereich – spiegelt sich aber auch in dieser Studie wieder und zeigt andererseits das massive Problem auf, das durch den Diabetes auf die Gesundheitssysteme in Europa zukommt.


Dr. med. Bettina Rose, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Engberg S, Vistisen D, Lau C et al. Progression to Impaired Glucose Regulation and Diabetes in the Population-Based Inter99 Study. Diabetes Care 2009; 32:606-611.

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