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Die Bedeutung des Insulin-Spritzenregimes nach akutem Herzinfarkt

(14.04.2009) Erhöhte Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten können, unabhängig vom HbA1c-Wert, zu schweren  Herz-Kreislauf-Erkrankungen (kardiovaskulären Erkrankungen) führen. Insbesondere Patienten nach einem Herzinfarkt sind einem erhöhten Risiko eines weiteren schweren kardiovaskulären Ereignisses ausgesetzt.


Herz

Hat der Zeitpunkt der Insulingabe Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Ein internationales Forscherteam untersuchte im Rahmen eines groß angelegten Behandlungsversuchs zwischen 2002 und 2007 in 17 verschiedenen Ländern bei 1.277 Patienten mit Diabetes mellitus und einem nicht länger als 3 Wochen zurückliegenden, akuten Herzmuskelinfarkt, den Einfluss des Blutzucker-Managements im Hinblick auf ein erneutes kardiovaskuläres Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Die Patienten wurden in zwei Behandlungs-Gruppen unterteilt:

  • die erste Gruppe, die „prandiale Gruppe“, bekam zu den Mahlzeiten dreimal täglich schnell wirkendes Insulin, um den Blutzuckeranstieg nach dem Essen zu kontrollieren und einen Wert von < 135 mg% zu erzielen,
  • die zweite Gruppe, die „basale Gruppe“, erhielt einmal täglich Insulin Glargin  oder zweimal täglich NPH-Insulin (Neutrales Protamin Hagedorn Insulin) mit dem Ziel eines Nüchternblutglukose-Werts von < 120 mg%

Die prandiale Gruppe bestand aus 557 Patienten, die basale Gruppe aus 558 Patienten. Im Durchschnitt nahmen die Patienten 963 Tage an der Studie teil. Die Patientengruppen waren sehr homogen hinsichtlich Alter, Geschlecht, Herkunft, Körpergewicht, Dauer der Diabetes-Erkrankung sowie klinischen Parametern und kardiovaskulärer Vorgeschichte. Beide Gruppen strebten einen HbA1c-Wert von < 7,0 % an.

Nach vordefinierten Kriterien bewertete eine unabhängige, zehnköpfige Jury die jeweils auftretenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In beiden Gruppen erlitten ähnlich viele Patienten während der Studie eine nachgewiesene kardiovaskuläre Folgeerkrankung: 31,2 % in der prandialen Gruppe und 32,4 % in der basalen Gruppe. In beiden Gruppen starben im Studienverlauf je 51 Patienten, überwiegend an Herz-Kreislauf-Problemen, in wenigen Fällen an einem tödlichen Schlaganfall. Die Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten unterschieden sich in den beiden Gruppen kaum: Der HbA1c-Wert lag in der prandialen Gruppe bei durchschnittlich 7,7 %, in der basalen Gruppe bei 7,8 %. Das Ziel, den HbA1c-Wert unter 7,0 % zu halten, erreichten lediglich 28 % bzw. 31 %.

Die Nüchtern-Blutzuckerwerte differierten etwas stärker: 146 mg% in der prandialen, zu 126 mg% in der basalen Gruppe. Die Fettwerte der Patienten zeigten keine signifikanten Unterschiede. Blutdruck, Herzfrequenz sowie die begleitenden Medikamenteneinnahmen (Aspirin, Betablocker, ACE-Hemmer u. ä.) waren ebenfalls ähnlich. Durchschnittlich hat die prandiale Gruppe etwas mehr Gewicht zugenommen (4,8 kg zu 3,1 kg) und  etwas höhere Insulin-Dosen erhalten (0,60 zu 0,52 Einheiten/kg). Zusätzlich  wurde die Insulineinstellung häufiger korrigiert. Der Zeitpunkt der Insulingabe spielt in dieser Studie keine signifikante Rolle für das Auftreten von kardiovaskulären Folgeerkrankungen. Auch die HbA1c-Werte unterschieden sich nicht.

Mögliche Ursachen für die geringen Unterschiede in dieser von der Firma Lilly unterstützten Studie können etwa zu weit fortgeschrittene kardiovaskuläre Vorerkrankungen sein. Denn eine ausgeprägte Verkalkung der Gefäße (Arteriosklerose) lässt sich kaum noch verlangsamen, ebenso wenig eine verschlechterte Durchblutung der kleinen Gefäße (Mikrozirkulation). Positive Effekte, die aufgrund abgesenkter Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten auftreten, werden laut anderen Studien erst nach vielen Jahren sichtbar, zudem kann die Reduzierung anderer Risikofaktoren, wie Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte, diese Effekte überdecken.

Um diese Annahme zu überprüfen, wäre vermutlich eine strengere Regulierung der Blutzuckerwerte notwendig gewesen, denn die erstrebten Blutzuckerwerte von höchstens 7,0 % HbA1C sind nur bei etwa einem Drittel der Patienten erreicht worden und die Unterschiede im Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten betrugen zwischen den Gruppen weniger als 45 mg%.

Dr. Karen Schemken, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Dr. Klaus Wiefels, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Itamar R. et al., Effects of Prandial Versus Fastin Glycemia on Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes: The HEART2D trial, Diabetes Care, Volume 32, Number 3, March 2009

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