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Blutzuckerselbstkontrolle bei Typ 2 Diabetes mellitus

Messen ohne therapeutische Konsequenzen macht wenig Sinn

(19.03.2009) Der Nutzen von Blutzuckerselbstkontrolle (self-monitoring of blood glucose, SMBG) bei Personen mit Typ 2 Diabetes mellitus (T2DM), die nicht mit Insulin behandelt werden, ist umstritten. Weltweit gibt es keine einheitlichen Empfehlungen ob und wie häufig SMBG betrieben werden soll und dementsprechend wird die Erstattung der Blutzuckerteststreifen durch die Kostenträger sehr unterschiedlich gehandhabt.




Blutzuckerselbstkontrolle macht nur Sinn, wenn sie auch zu Selbstmanagement führt.

Bisher wurden zu diesem Thema 22 randomisiert-kontrollierte Studien (randomised controlled trials, RCTs) durchgeführt. Überraschenderweise hat sich trotzdem kein einheitlicher Konsens ergeben. Dies war Anlass, alle publizierten RCTs zu Blutzuckerselbstkontrolle bei nicht mit Insulin behandeltem T2DM daraufhin zu untersuchen, warum diese Arbeiten so widersprüchliche Ergebnisse geliefert haben.

Die wichtigsten Gründe scheinen ein oft nicht adäquates Studiendesign und ein Ignorieren der zum Teil großen Zahl an Studienabbrechern bzw. nicht kooperierenden Patienten zu sein. SMBG per se ist eine diagnostische Methode und keine Intervention (Behandlung). Klinische Studien jedoch sind dazu gedacht die Ergebnisse verschiedener Interventionen zu vergleichen. Die aufgeführten Studien vergleichen nicht den Erfolg eines einheitlichen Behandlungsprotokolls, sondern beinhalten z. T. völlig unterschiedliche Interventionsstrategien, die in vielen Details variieren, wie z. B. den Vorgaben für den Patienten oder auch für den behandelnden Arzt, ob und wie auf SMBG-Daten zu reagieren ist. Tatsächlich verfolgt jede Studie eine andere Strategie der SMBG-gestützten Lebensstilintervention und Diabetesbehandlungen. Daraus folgt jedoch, dass die Ergebnisse der verschiedenen Studien, bezogen auf die HbA1c-Werte, nicht zusammengefasst in Metaanalysen analysiert werden können.

Ein erfolgreiches Beispiel für eine SMBG-gestützte Lebensstilintervention ist die „Look-AHEAD-Studie“, die aktuell in den USA in über 16 Zentren durchgeführt wird. Ziel der Studie ist es den Einfluss einer gezielten Gewichtsabnahme auf das kardiovaskuläre Risiko bei T2DM zu untersuchen. Um dies zu erreichen, werden die Teilnehmer/innen der Lebensstilinterventionsgruppen über 5 Jahre intensiv begleitet. Dabei wird auch der Blutzucker regelmäßig kontrolliert, besprochen und die gemessenen Daten dienen als Basis für die Anpassung der Diabetesmedikation. Die Ergebnisse der Einjahresauswertung zeigen für die Gruppe mit Lebensstilintervention neben einer Gewichtsreduktion um 8,6 % vor allem eine signifikante Reduktion des HbA1c von 7,3 auf 6,6 %, die mit einer Verbesserung der kardiovaskulären Risikofaktoren einhergeht.

Schlussfolgerung: Zukünftige RCTs sollten präzise die verwendete Interventionsstrategie definieren und für Ärzte und Patienten festlegen, welche Konsequenzen hohe Nüchtern- und postprandiale Blutzuckerwerte für die Behandlung bzw. den Lebensstil haben sollen. Wichtig ist es dabei die Kooperation der Patienten sicherzustellen und auch zu berichten.

Kommentar: Eine SMBG-gestützte Diabetesbehandlung sollte grundsätzlich eine Anleitung enthalten, wann und wie häufig die Patienten SMBG durchführen sollten, wie SMBG-Daten zu interpretieren und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Am besten sollte Patienten eine Anleitung an die Hand gegeben werden, nach der sie auf die SMBG-Daten (speziell auch auf Ausreißer) reagieren und Ernährung, Bewegung sowie Diabetesmedikation anpassen können. Die Patienten sollten in einem speziellen Trainingsprogramm praktisch lernen, wie mittels SMBG ein individueller Lebensstil mit geringer Glukosevariation über den Tag gefunden werden kann. Dazu können kleine Änderungen des Alltags ausreichend sein. Denn Selbstkontrolle macht nur Sinn wenn sie auch zu Selbstmanagement führt.

Dr. rer. nat. Kerstin Kempf, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Kempf et al., Nutzennachweis der Glukoseselbstkontrolle bei Typ-2-Diabetes: Sind bisher publizierte Studien einfach falsch konzipiert? InfoDiabetologie 2009 3: 54-56.

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