Newsletter  |  Freitag, 28. April 2017, 06:33 Uhr
Startseite

Diabetes-News

Über Diabetes
Fachthemen
Ernährung
Patientenfragen

Praktische Hilfe
Diabetes und Vorsorge
Klinische Studien
Diabetes-Kalender

Selbsthilfe-Suche
Arzt-/Klinik-Suche

 
 
 
gefördert durch:
 
Neue Therapieansätze beim Typ 1 Diabetes

Bei Typ 1 Diabetes liegt ein absoluter Insulinmangel vor: Die insulinproduzierenden Betazellen der Bauspeicheldrüse produzieren das Hormon Insulin nicht mehr, da körpereigene Immunzellen diese Betazellen als fremd angesehen und zerstört haben. Der Vorgang der Zerstörung kann sich über Jahre hinziehen. Für den Erhalt der Betazellen gibt es derzeit unterschiedliche Therapieansätze, die wir ihnen hier vorstellen.




Für den Erhalt der Betazellen der Bauspeicheldrüse stehen derzeit unterschiedliche Therapieansätze zur Verfügung.

Diabetes ist eine Stoffwechselkrankheit, die durch einen erhöhten Blutzucker charakterisiert ist. An dieser Form des Diabetes erkranken meist Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene und Senioren können noch an Typ 1 Diabetes erkranken. Die Entstehung eines Typ 1 Diabetes wird heute als Geschehen mit mehreren Ursachen (multifaktoriell) verstanden, an dem sowohl genetische Faktoren, Umweltbedingungen und Reaktionen des Immunsystems beteiligt sind. Wie es zum Ausbruch der Erkrankung kommt, ist bisher nur unzureichend bekannt.


Ansätze zur Erhaltung der insulinproduzierenden Betazellen

Es existieren unterschiedliche präventive (vorbeugende) Therapieansätze für den Erhalt der Betazellen in Abhängigkeit der verschiedenen Krankheitsstadien.
Die Primärprävention (Erstvorsorge) hat zum Ziel, Maßnahmen zu ergreifen, um das Auftreten der Immunprozesse und die damit verbundene Zerstörung der Betazellen zu verhindern. In Bezug auf Typ 1 Diabetes bedeutet dies, dass Personen zwar Träger erblich bedingter Risikofaktoren sind, jedoch noch keine Inselautoantikörper gebildet haben. Bei der Sekundärprävention (Zweitvorsorge) findet man zwar Autoantikörper, die die Aktivierung des Immunsystems gegen die Betazellen anzeigen, jedoch ist der Diabetes noch nicht ausgebrochen. Hier geht es darum, die Manifestation des Diabetes zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Bei der Tertiärprävention (Drittvorsorge) ist der Diabetes bereits diagnostiziert. Hier ist das Therapieziel, das Krankheitsgeschehen direkt zu beeinflussen und das Insulin, welches vom Körper noch hergestellt wird zu bewahren.

Primärprävention:
Genetisches Risiko für Typ 1 Diabetes, aber noch nicht krank - was kann getan werden?

Verschiedene Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Konsum von Kuhmilch in den ersten drei Lebensmonaten bei Kindern mit nur kurzer Stillzeit das Risiko erhöht, einen Typ 1 Diabetes zu entwickeln. Werden die Eiweißbestandteile jedoch chemisch in weitere Teilstücke aufgespalten (hydrolysiert), werden die Eiweiße vom Immunsystem mit verringerter Wahrscheinlichkeit als "fremd" erkannt und attackiert. In der sogenannten TRIGR-Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass eine Zufütterung der hydrolysierten Babynahrung im Vergleich zur herkömmlichen Babykost (die zu 80 % intakte, also nicht aufgespaltene Eiweiße enthält) die Entstehung der Autoantikörper um 50 Prozent reduziert, und das im Verlauf über einen Zeitraum von zehn Jahren. Da man davon ausgeht, dass Menschen ohne Autoantikörper ein sehr viel niedrigeres Risiko aufweisen, Typ 1 Diabetes zu bekommen, hätte man erwartet, dass die hydrolysierte Babynahrung das Auftreten eines Diabetes in vielen Fällen verhindert. Dem war jedoch nicht so: Die Neuerkrankungsrate blieb fast gleich. Allerdings stehen noch weitere Ergebnisse laufender Studien aus, sodass hier noch kein abschließendes Urteil gefällt werden kann.
Seit einigen Jahren prüft die BABYdiät-Studie, ob sich bei Babies mit Risiko-Genen eine späte Getreidezufütterung vorbeugend (präventiv) auswirkt. Ein Hintergrund ist, dass Gluten ein möglicher Auslöser der Inselentzündung ist. Die PrePoint-Studie wiederum untersucht, ob Insulin (nasal oder oral verabreicht), einen präventiven Effekt hat.

Sekundärprävention:
Genetisches Risiko und zusätzlicher Nachweis von Autoantikörper, aber noch nicht krank. Gab es Erfolge?

Hier muss leider eine negative Antwort gegeben werden. Bei Personen mit genetischem Risiko (HLA-Risiko-Allele), die schon Autoantikörper aufwiesen (im Unterschied zur Primärprävention), brachte eine präventive Insulingabe, ungeachtet dessen, ob Insulin nasal, oral oder durch Injektion verabreicht wurde, nicht den erwünschten Erfolg.

Tertiärprävention:
Diagnose Diabetes - welche Möglichkeiten gibt es noch?

Die Tertiärprävention hat zum Ziel, das Voranschreiten der Betazell-Zerstörung zu stoppen oder zu verlangsamen, um die körpereigene Insulinausschüttung, die anfangs noch in verringertem Maße vorhanden ist, zu stabilisieren. Dies kann auf immunologischem Wege geschehen oder durch einen Betazellersatz bzw. durch eine Pankreastransplantation.


Immunologische Intervention - antientzündliche Therapien

Bei der antientzündlichen Therapie wird versucht, die Wirkung von Entzündungsbotenstoffen (TNF-alpha, Interleukin-1) zu vermindern. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die in einer Pilotstudie derzeit getestet werden. Die T-Zellen unseres Körpers sind Teil unseres Abwehrsystems. Normalerweise dienen sie in einem komplexen Zusammenspiel mit anderen Bestandteilen unseres Immunsystems zur Abwehr von Eindringlingen wie Bakterien und Viren. Bei einem Typ 1 Diabetes sind sie jedoch auch am Zerstörungsprozess der Betazellen beteiligt.

Bei der T-Zell-gerichteten Therapie kommt es zum Einsatz von Antikörpern, die an die Oberfläche der T-Zellen binden sollen, um eine regulatorische Aktivität dieser Zellen zu unterstützen. Hier gab es einige Teilerfolge, die jedoch auch mit Nebenwirkungen behaftet waren. In aktuellen Studien wurde daher mit niedrigeren Dosen gearbeitet, um die Nebenwirkungen zu minimieren, leider hatte diese niedriger dosierte Therapie keinen Erfolg. Eine Heilung kann hier also derzeit nicht in Aussicht gestellt werden.

Mit der antigenspezifischen Therapie wird versucht, eine mögliche Toleranz durch Veränderung des Immunsystems zu erzielen. Den T-Zellen soll die Aggressivität gegen körpereigene Betazellen genommen werden. Hierbei werden die Oberflächenmoleküle, gegen die die T-Zellen gerichtet sind, unter die Haut gespritzt, um die aggressiven T-Zellen an diese Stoffe zu "gewöhnen". Eine Stabilisierung der körpereignen Insulinproduktion war noch 30 Monate nach Injektion nachweisbar. Die Nebenwirkungen der aktuell laufenden Studien sind vernachlässigbar und ein gewisser Therapieerfolg ist ebenfalls zu verzeichnen. Jedoch kann auch hier nicht von einer Heilung gesprochen werden.


Zellersatz-Therapien: Pankreastransplantation und Inselzelltransplantation

Eine Zellersatz-Therapie kommt nur für einen kleinen Teil der Personen mit Typ 1 Diabetes in Frage. Hier existiert eine Bandbreite an allgemeinen Einschluss- und Ausschlusskriterien. Wichtige Zielgruppen sind Patienten mit geplanter Nierentransplantation und solche mit schweren und häufigen Unterzuckerungen trotz intensivierter Insulintherapie.
Werden Inselzellen oder die ganze Bauchspeicheldrüse (Pankreas) transplantiert, führt dies zu einer stabilen Stoffwechsellage ohne ein relevantes Risiko, eine Unterzuckerung zu erleiden und zu einer verbesserten Lebensqualität. Wie bei allen anderen Organtransplantationen ist jedoch die Gefahr der Abstoßungsreaktionen gegeben, die medikamentös mit Immunsuppressiva unterdrückt werden muss. Der Einsatz solcher Immunsuppressiva kann mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden sein.

Die Pankreastransplantation
Die Transplantation des gesamten Organs wird derzeit bei 180 Patienten pro Jahr durchgeführt. In 80 Prozent der Fälle erfolgt auch gleichzeitig eine Nierentransplantation. Die Erfolgsraten für die Organfunktion liegen nach einem Jahr bei annähernd 90 Prozent. Der Einfluss auf Spätkomplikationen wird als günstig bezeichnet. Es handelt sich hierbei jedoch um einen großen chirurgischen Eingriff, welcher an sich schon mit einer signifikanten Morbidität und auch Sterblichkeit (Mortalität) verbunden ist. Und auch hier müssen Immunsuppressive gegeben werden, um eine Abstoßung zu verhindern.

Die Inselzelltransplantation
Im Gegensatz zur Pankreastransplantation ist die Inselzelltransplantation ein minimal-invasiver Eingriff und somit risikoärmer. Hierzulande wurden bislang 100 Patienten mit dieser Methode behandelt. Weltweit liegt die Rate bei bisher 1300 Eingriffen. Die Insulinunabhängigkeitsrate liegt nach drei Jahren bei 35 Prozent. Auch wenn nach einiger Zeit Insulin zugespritzt werden muss, ist die Stoffwechsellage insgesamt als stabil zu bezeichnen. Auch bei dieser Methode sind die Einflüsse auf diabetische Spätkomplikationen günstig. Die Inselzelltransplantation bietet Zukunftschancen, auch wenn sie noch kein Therapiestandard darstellt.


Gunilla Erdmann, Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Quelle:
Schloot et al. Neue Therapieansätze beim Diabetes mellitus Typ 1. Prävention der Krankheitsmanifestation und von diabetischen Folgeerkrankungen. Dtsch Med Wochenschr 2011; 136: 172-175.

Stand: 13.04.2011

Darstellung zum Ausdrucken
 


Weitere aktuelle Meldungen finden Sie hier:

Hier geht es zur Übersicht aller Newsmeldungen...