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Verbot für spezielle Diabetiker-Lebensmittel

"Zur besonderen Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplanes." Welcher Diabetiker kennt diesen Satz nicht?! So oder ähnlich kann man es auf den Verpackungen von Lebensmitteln, die speziell für Diabetiker produziert sind, lesen. Damit ist nun Schluss: Am Freitag, den 24.September 2010, stimmte der Gesundheitsausschuss des Bundesrats und das Plenum der "16. Verordnung zur Änderung der Diätverordnung" zu. Zuvor hatte bereits der Ausschuss des Bundesrats für Agrarpolitik und Verbraucherschutz diese Änderung einstimmig beschlossen.





Foto: AOK/Dietmar Wäsche

Nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren, also bis Ende 2012, dürfen Lebensmittel nicht mehr als spezielle Diabetikerkost produziert und gekennzeichnet werden. Allerdings müssen etwa Diabetikerkekse und -schokoladen danach noch nicht sofort aus den Supermärkten verschwinden. Erst mit dem Abverkauf der produzierten Ware und dem Ablauf ihres Mindesthaltbarkeitsdatums verschwinden die speziellen Diabetikerlebensmittel endgültig aus den Regalen.

Diätprodukte für Diabetiker, wie sie bislang existieren, werden seit 1982 produziert. Mit der "6. Änderung zur Änderung der Diätverordnung" wurden vor 28 Jahren die, jetzt geänderten, Regeln für Diabetiker-Lebensmittel festgelegt. Diese Regeln bezogen sich auf die Verwendung von Zuckeraustauschstoffen sowie die Kennzeichnungspflicht (Inhaltstoffe und Nähwertangaben). Die damalige Änderung folgte dem damaligen Stand der Wissenschaft, denn die medizinischen Erkenntnisse der 80er / 90er Jahre schrieben für die Diabetikerkost ein generelles Zuckerverbot vor, dem so genannten "glukozentrischen Weltbild" folgend. Man ging davon aus, dass der Verzicht von Haushaltszucker, aber auch Maltodextrin und Glukosesirup, gute Blutzuckerwerte nach sich ziehen würde. Es zeigte sich jedoch bei Diabetikern mit Typ 1 wie Typ 2 nicht unbedingt der gewünschte Effekt. Zwar steigt der Blutzucker nach dem Verzehr von speziellen Diabetikerprodukten geringer und langsamer an, als nach "normalen" Lebensmitteln. Dafür enthalten die speziellen Produkte häufig mehr Fette und Kalorien, was besonders für Diabetiker mit einem Typ 2 Diabetes, die in der Regel mit Übergewicht zu kämpfen haben, nicht vorteilhaft ist. Dazu kommt der Effekt, dass durch den Aufdruck "für Diabetiker geeignet" suggeriert wird, dass das Produkt ohne Konsequenz für die Therapie verzehrt werden kann. Dennoch muss auch hier auf die Kohlenhydratmenge wie auch auf den Energiegehalt geachtet werden. Deshalb forderten Fachleute schon länger eine Änderung der Diätverordnung für diabetische Kost.

Mit der Änderung der Verordnung werden nun die bislang gültigen spezifischen Anforderungen an Diabetiker-Lebensmittel gestrichen. Die Änderung umfasst nicht nur die ersatzlose Streichung des Hinweises, dass es sich um ein spezielles Diabetikerprodukt handelt. Weiter verschwindet auch die Kennzeichnungspflicht für die Angabe von Broteinheiten (BE), die Angabe der Worte "nur nach Befragung des Arztes" in Verbindung mit der Angabe der Volumenprozente bei alkoholischen Getränken sowie die Aufschrift "für Diabetiker nicht geeignet" bei bestimmten süßstoffhaltigen diätetischen Lebensmitteln. Mit dieser Maßnahme folgte die Politik jetzt dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Denn viele Studien zeigten es bereits und häufig wurde es schon von Ärzten und Ernährungsberater/innen an ihre Patienten mit Diabetes mellitus weiter gegeben: Diabetiker brauchen keine speziellen Nahrungsmittel. "Die ideale Ernährung eines Diabetikers unterscheidet sich nicht von den Ernährungsempfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Allgemeinbevölkerung", betont Professor Michael Roden, wissenschaftlicher Leiter vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf.

Die DGE empfiehlt für einen gesunden Erwachsenen eine ausgewogene vollwertige Mischkost. Danach spielen Obst und Gemüse sowie ballaststoffreiche Produkte eine wichtige Rolle. Für den täglichen Speiseplan, so die Empfehlung der DGE, sollte die Hälfte der aufgenommenen Energiemenge aus Kohlenhydraten stammen. Der Fettanteil sollte bei 25 bis 35 Prozent liegen. Dabei wird empfohlen, dass 10 bis 20 Prozent des Gesamtfettes aus einfach ungesättigten Fettsäuren (beispielsweise aus Olivenöl) und bestimmten mehrfach ungesättigten Fettsäuren, wie in Weizenkeimöl, Sonnenblumenöl oder Walnüssen enthalten, stammen sollten. Es sollten nicht mehr als 20 Prozent der Gesamtenergie pro Tag aus Eiweißen bestehen. Diese Empfehlung gilt auch für Menschen, die an Diabetes mellitus erkrankt sind. Für einen Diabetiker ist dabei wichtig, dass er weiß, in welchen Nahrungsmitteln anrechenbare Kohlenhydrate in welcher Menge enthalten sind, damit er sich an "seine" Kohlenhydratmenge halten kann beziehungsweise entsprechend der Kohlenhydrat-Einheiten (KE) Insulin zu führt. Dabei sind - natürlich in Maßen - auch Produkte mit Haushaltszucker für einen Diabetiker nicht mehr strikt verboten. Aber auch der Energiegehalt, also die aufgenommenen Kalorien, ist relevant für Diabetiker wie für gesunde Menschen. Die Tagesbilanz aufgenommener Kalorien darf die Tagesbilanz verbrauchter Energie nicht überschreiten - sonst legt man an Gewicht zu.

Aber auch der Wegfall der BE-Kennzeichnung sollte nicht weiter verwirren. Das BE-System, mit dem ausschließlich in Deutschland, der Schweiz und Österreich gearbeitet wurde, ist als Orientierungshilfe für einen Diabetiker nicht nötig. Aus der Angabe der Kohlenhydratmenge einer Portion des entsprechenden Lebensmittels lässt sich leicht die entsprechende KH-Einheit berechnen, da 10g Kohlenhydrate 1 KE entsprechen.

Das Aus der speziellen diätetischen Lebensmittel für Diabetiker ist nun ein weiterer Punkt in der langen Geschichte der Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Diabetes. Angefangen bei den Griechen und Ägyptern mit Hungerkuren, über verschiedenste Ansätze, spiegeln doch alle Empfehlungen den jeweiligen Wissenstand der Experten wieder. Seit wann genau spezielle Diabetikerkost produziert wurde ist nicht bekannt. Beispielsweise gab es bereits vor, während und auch nach dem 2. Weltkrieg spezielle Diabetiker-Produkte. Nach welchen Richtlinien diese Produkte hergestellt wurden ist jedoch nicht ganz klar. Die Firmen hatten Auflagen, waren aber gesetzlich nicht so festgelegt, wie es seit 1982 der Fall war. Dennoch mussten sich die Hersteller dieser speziellen Produkte an das so genannte "Irreführungsverbot" halten. Für die Bezeichnung "Diabetiker-Lebensmittel" musste auch damals schon eine gute Begründung, die auch belegt werden konnte, vorliegen.

Spezielle diätetische Lebensmittel für Diabetiker bieten Diabetikern keinen Nutzen. Stattdessen sollte sich jeder, Diabetiker oder nicht, mit seiner Ernährung auseinandersetzen, die Inhaltsstoffe und den Gehalt an Nährstoffen und Energie kennen und das Wissen umsetzen können.


Nicole Waschke, Online-Redaktion Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

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