Newsletter  |  Montag, 22. Januar 2018, 23:05 Uhr
Startseite

Diabetes-News

Über Diabetes
Fachthemen
Ernährung
Patientenfragen

Praktische Hilfe
Diabetes und Vorsorge
Klinische Studien
Diabetes-Kalender

Selbsthilfe-Suche
Arzt-/Klinik-Suche

 
 
 
gefördert durch:
 
Gesundheitsgefahr durch Kunststoff

(25.03.2010) Alltag ohne Plastik gibt es nicht. Und ohne den Bestandteil Bisphenol A kein Plastik. Er steckt in Verpackungen von Wurst und Käse, eingedosten Tomaten und Maiskörnern, in Babyflaschen, Plastikschüsseln und CDs. Die synthetische Verbindung wird vor allem als Ausgangsstoff für Polycarbonat, einen transparenten und sehr festen Kunststoff, benötigt. Aber aus den Lebensmittelverpackungen können sich kleine Mengen Bispehnol A (BPA) lösen und in die Nahrung - und damit in den Körper - gelangen.





Foto: DAK/Hanuschke+Schneider

Seit Jahren steht die Substanz bereits im Verdacht, gesundheitsschädigend zu sein. In Tierversuchen zeigte sich, dass bloße Spuren davon wie ein Hormon auf den Organismus wirken: Bekommen Schneckenweibchen geringe Mengen Bisphenol A, ist eine Überproduktion von Eiern die Folge. Bei Männchen verkümmert der Penis und sie werden unfruchtbar. Über die Wirkung auf den Menschen wird heftig gestritten: Studien haben gezeigt, dass der Plastikgrundstoff bei Ungeborenen und Kleinkindern Hirnschädigungen hervorrufen kann. Die Folgen bei Erwachsenen sind noch wenig untersucht.

Forscher der Peninsula Medical School an der Universität von Exeter in Groß-Britannien haben nun zum zweiten Mal Hinweise dafür gefunden, dass BPA zu Herz-Erkrankungen führen kann. Das Forscherteam wertete für die Untersuchung Daten des US-amerikanischen National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) von 2005 und 2006 aus. Das sind regelmäßige Querschnittsstudien zum Gesundheitszustand der US-Bevölkerung.

Die britischen Wissenschaftler um David Melzer untersuchten knapp 1500 Erwachsene im Alter von 18 bis 74 Jahren. Von allen Teilnehmern lagen Daten zur Bisphenol-Konzentration im Urin vor. Melzers Team verglich die durchschnittliche Höhe der BPA-Spiegel mit dem Vorliegen von Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen und Diabetes. Ergebnis: Teilnehmer mit hohen BPA-Konzentrationen im Urin leiden häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Probanden mit wenig Bisphenol im Urin.

Diese Daten bestätigen Beobachtungen von Melzer und seiner Forschergruppe aus dem Jahr 2008. Damals zogen die Wissenschaftler den NHANES von 2003 und 2004 heran. Auch seinerzeit schlug Kunststoff schon aufs Herz: Mit einem hohen Bisphenol-Spiegel im Urin stieg das Risiko ums Dreifache, an Angina pectoris, Herz-Kranz-Gefäßerkrankungen und Herzattacken zu leiden. In der aktuellen Studie ist dieser Effekt zwar geringer, aber immer noch hoch. Ein Umstand, den die Forscher auf die allgemein gesunkene Bisphenol-Konzentration im Urin zurückführen: 2003 und 2004 fanden die Wissenschaftler noch dreimal so viel des Plastikgrundstoffes im Urin. Erklären können sich die britischen Forscher den gesunkenen Bisphenol-Spiegel im Urin der Menschen allerdings nicht. Möglicherweise, spekulieren sie, hätten einige Kunststoffhersteller bei Lebensmittelverpackungen auf die Substanz verzichtet oder sie durch andere ersetzt.

Vor zwei Jahren fand die Forschergruppe zudem einen klaren Zusammenhang zwischen Bisphenol A und Diabetes: Das Risiko, an Diabetes zu erkranken, war um fast das Zweieinhalbfache erhöht. Auch entdeckten die Wissenschaftler in Exeter defekte Leberenzyme bei Probanden mit viel Bisphenol im Urin. In der vorliegenden Studie sind diese beiden Effekte nun nicht mehr signifikant ausgeprägt. Das könnte ebenfalls Folge der allgemein geringeren Bisphenol-Konzentration im Urin der Menschen sein, glauben sie.

Ob es tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Chemikalie und einem erhöhten Risiko für Herzkrankheiten gibt, muss nun in weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen und durch Langzeitstudien geklärt werden. Vielleicht, sagen die Forscher, ist auch ein noch gänzlich unbekannter Mechanismus für den Einfluss von Bisphenol A aufs kardiovaskuläre System verantwortlich. Noch können sie keine Erklärung für ihre Ergebnisse liefern. Nur bei einer Sache sind sie sich ganz sicher: Die Verbindung von Bisphenol A und Herzerkrankungen ist kein Zufall.


Sandra Busch, freie Mitarbeiterin von Diabetes-heute.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: David Melzer et al, Association of Urinary Bisphenol A Concentration with Heart Disease: Evidence from NHANES 2003/06, PLoS ONE, January 2010, volume 5, Issue 1

Darstellung zum Ausdrucken