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Erhöht übermäßige Hygiene das Risiko für Typ 1 Diabetes?

(11.11.2008) Kinder, die in einer übertrieben keimarmen Umwelt aufwachsen, entwickeln möglicherweise häufiger einen Typ 1 Diabetes. Darauf weisen Befunde einer tierexperimentellen Studie hin, die Wissenschaftler vor kurzem in den USA durchgeführt haben. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Nature.




Kann eine übertrieben keimarme Umwelt bei Kindern Typ 1 Diabetes verursachen?
Foto: DAK/Wigger

Für das Entstehen eines Typ 1 Diabetes wird das Zusammenwirken von erblicher Veranlagung und einer Fehlsteuerung des Immunsystems verantwortlich gemacht. Im Verlauf der Erkrankung richten sich körpereigene Immunzellen (T-Lymphozyten) gegen die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse (Betazellen) und zerstören diese. Die Folge des fortschreitenden Betazell-Untergangs ist ein Insulinmangel. Ohne Insulin kann der Energielieferant Glukose von den meisten Körperzellen nicht mehr aufgenommen und verwertet werden: Der Zuckerspiegel im Blut steigt an. 

Bereits seit Jahren diskutieren Experten die so genannte Hygiene-Hypothese, nach der sich das Immunsystem nur dann normal entwickeln kann, wenn es in den ersten Lebensjahren einer gewissen Belastung durch Krankheitserreger ausgesetzt ist. Vor allem die Darmflora scheint hierbei eine Rolle zu spielen. Wissenschaftler vermuten, dass Autoimmunkrankheiten wie der Typ 1 Diabetes durch eine zu hohe Hygiene begünstigt werden. Möglicherweise liegt hier auch ein Erklärungsansatz für die zunehmende Häufigkeit von Typ 1 Diabetes in den westlichen Industrienationen.

Bereits frühere tierexperimentelle Studien konnten zeigen, dass die Typ 1-Diabeteshäufigkeit bei nicht-übergewichtigen Mäusen durch das Keimumfeld beeinflusst wird. Ein Forscherteam von der Universität Chicago und der Yale Universität in New Haven, Connecticut, hat jetzt weitere Hinweise für die Hygiene-Hypothese gefunden. Sie führten spezielle Untersuchungen bei NOD (non-obese diabetic) Mäusen durch. Diese waren genetisch so verändert, dass ihnen das MyD88 Protein – ein Bestandteil der angeborenen Immunabwehr – fehlte. Trotz einer erblichen Veranlagung für den Typ 1 Diabetes entwickelten diese Mäuse keine Zuckerkrankheit. Dies änderte sich, nachdem die Tiere in einer sterilen, keimfreien Umgebung aufwuchsen. Von diesen Mäusen erkrankten rund 80 Prozent an einem schweren Typ 1 Diabetes. Nachdem die Tiere mit einem „Bakterien-Mix“ gefüttert wurden, der dem Bakteriengemisch der normalen Darmflora entsprach, ließ sich die Erkrankungsrate deutlich auf „nur“ noch 34 Prozent reduzieren.

Die Autoren der Studie folgern aus den Befunden, dass die Interaktion zwischen Darmflora und angeborenem Immunsystem eine wichtige Rolle für das Entstehen oder Nicht-Entstehen eines Typ 1 Diabetes spielt, und dass die normale Darmflora die Entwicklung einer gesunden Immunabwehr wesentlich unterstützt. In welchem Umfang diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, ist bisher allerdings noch unklar. Das Ziel weiterer Untersuchungen wird sein, nach Einflussmöglichkeiten zu suchen, um Kinder in einer keimarmen Umgebung vor einem Typ 1 Diabetes und anderen Autoimmunkrankheiten zu schützen.


Dr. med. Anja Lütke, freie Mitarbeiterin von Diabetes-Deutschland.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Wen L, Ley RE, Volchkov PY et al. Innate immunity and intestinal microbiota in the development of Type 1 diabetes. Nature 2008; 455: 1109-13

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