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Adipositas (Fettsucht)

Gerade in den westlichen Industrieländern ist in den letzten 20 Jahren eine erhebliche Zunahme der Zahl stark übergewichtiger Menschen zu beobachten. In den USA hat die Häufigkeit der Adipositas von 23,3 Prozent im Jahr 1991 auf 30,9 Prozent gegenwärtig zugenommen. Die Zunahme zeigt sich auch in Europa mit einem Anteil von etwa 10 Prozent im 20. und über 30 Prozent ab dem 50. Lebensjahr. Allein in Deutschland weist nur noch ein Drittel der Erwachsenen ein gesundheitlich wünschenswertes Körpergewicht auf.



Fettsucht (Adipositas)

Hier eine Übersicht über diesen Artikel:

Adipositas ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern geht mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen, Risiken und Symptomen einher, die von den Betroffenen aber auch von Ärzten oft nicht als behandlungsbedürftig wahrgenommen werden. Übergewicht gilt eher als ein Mangel an Selbstkontrolle, der durch entsprechende Disziplin selbst behandelt werden kann. Entsprechend orientieren sich Übergewichtige und Adipöse an Diätprogrammen in Zeitschriften, verwenden frei im Handel erhältliche Diätprodukte und befolgen unterschiedliche Abnehmprogramme mit meistens nur mäßigem Erfolg.
In der letzten Zeit zeichnet sich jedoch ein Wandel ab, insofern die mit Adipositas verbundenen Krankheitsrisiken von den Betroffenen nach entsprechenden Medienberichten zunehmend wahrgenommen werden.

Definition

Übergewicht, welches ab einem bestimmten Grad auch Fettsucht oder Fettleibigkeit (Adipositas) genannt wird, ist eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts.
Normales Körpergewicht wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert durch ein größenkorrigiertes Maß für das Körpergewicht, den sogenannten Body-Mass-Index (BMI). Dies ist der Quotient von Körpergewicht (in kg) und Größe (in Meter). Als normalgewichtig gelten demnach Erwachsene mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 kg/m2. Übergewicht ist definiert als BMI > 25 kg/m2 , Adipositas als BMI > 30 kg/m2 (Tabelle). Weiterhin wird zwischen 3 verschiedenen Ausprägungsgraden der Adipositas unterschieden.

Tabelle: BMI-Richtgrößen

Klassifizierung

BMI

Untergewicht

unter 18,5 kg/m2

Normalgewicht

18,5 bis 24,9 kg/m2

Übergewicht

25 bis 29,9 kg/m2

Adipositas

1. Grades
2. Grades
3. Grades

über 30 kg/m2

30 bis 34,9 kg/m2
35 bis 39,9 kg/m2
über 40 kg/m2

Eine Adipositas entsteht, wenn mehr Energie zugeführt als verbraucht wird. Hierbei steht eine zu hohe Nahrungsaufnahme einer zu geringen körperlichen Aktivität gegenüber. Jedoch sind auch andere Ursachen an der Entstehung einer Adipositas beteiligt.

- größere Portionen energiereicher Nahrung („Fast Food“)
- höherer Fettanteil der Nahrungsmittel
- Mangel an Ballaststoffen
- Abnahme körperlicher Aktivität durch Arbeitsumstände
- Mangel an Sportunterricht an Schulen
- Bewegungsmangel durch bevorzugte Aktivitäten wie Fernsehen oder Computerspiele
- Familiäre Disposition, genetische Ursachen
- Essstörungen
- Endokrine Erkrankungen (zum Beispiel Hypothyreose, Cushing Syndrom)
- Medikamente (zum Beispiel manche Antidepressiva, Antidiabetika, Kortisonpräparate und Mittel gegen Bluthochdruck (Betablocker))

Warum birgt Adipositas ernsthafte Gefahren für die Gesundheit?

Übergewicht bzw. Adipositas gehen mit einem hohen Risiko für die Ausbildung verschiedenster Erkrankungen und mit einer verringerten Lebenserwartung einher.

Das Körpergewicht ist eng verknüpft mit dem Risiko, an einem Typ 2 Diabetes zu erkranken. Bei Übergewicht und Adipositas steigt das Risiko um das 30fache an. Durch das Überangebot an Glukose und den dauerhaft erhöhten Insulinspiegel sinken die Sensibilität sowie die Anzahl der Insulinrezeptoren. Das ausgeschüttete Insulin reicht nicht mehr aus, um die Glukose abzubauen. Der Körper leidet somit unter einem relativen Insulinmangel und muss vermehrt neues Insulin bilden. Dies führt zu einer Überbeanspruchung der insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), was wiederum zu einer Erschöpfung des Organs und zu einer Ausbildung eines Diabetes mellitus Typ 2 führt.

Adipositas führt zu Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen. Die Kombination von Adipositas mit einem gestörten Zuckerstoffwechsel und Bluthochdruck wird auch als metabolisches Syndrom bezeichnet. Bei Vorliegen eines metabolischen Syndroms ist das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall um das drei- bis vierfache erhöht.

Übergewichtige haben zudem ein erhöhtes Risiko, an Tumoren des Darms, der Prostata, der Eierstöcke, der Gebärmutter und Brust sowie der Niere zu erkranken. Adipositas ist zudem mit Magen-Darm-Erkrankungen, Lungenerkrankungen und hormonellen Störungen assoziiert.

Adipositas führt in den westlichen Ländern häufig zu einer sozialen Ausgrenzung der Betroffenen. Die Folgen sind Depressionen, verminderte Teilnahme am sozialen Geschehen sowie Minderung des Selbstwertgefühls. Durch die eingeschränkte körperliche Beweglichkeit kommt es zu einer Verminderung der Lebensqualität in vielen Bereichen des Lebens und verstärkt den Leidensdruck der betroffenen Personen.

Behandlung

Die Behandlungsziele müssen realistisch und den individuellen Voraussetzungen angepasst sein. Die Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit hoher Rückfallquote, daher muss über die eigentliche Phase der Gewichtsabnahme eine langfristige Gewichtskontrolle erreicht werden. Ein weiteres Behandlungsziel ist die Verbesserung der adipositas-assoziierten Risikofaktoren und Krankheiten sowie eine Steigerung der Lebensqualität.
Die Behandlung der Adipositas beruht auf den drei Säulen Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie. Nur in speziellen Fällen kommen medikamentöse oder chirurgische Maßnahmen in Betracht.

Ernährung

Eine Reduktion des Körpergewichtes ist nicht mit einem absoluten Verzicht auf sämtliche Genussmittel verbunden. Es kommt vielmehr auf die Ausgewogenheit und Menge der Mahlzeiten an. Die Grundlage für eine Therapie ist die Kalorienreduktion mit Einschränkung des Fettanteils der Nahrung auf etwa 30 Prozent, wobei der Anteil gesättigter Fettsäuren 10 Prozent nicht überschreiten sollte. Kohlenhydrate sollten 50 bis 55 Prozent und Proteine die restlichen 15 bis 20 Prozent des Energiebedarfes decken. Sehr wichtig ist ein hoher Ballaststoffanteil sowie mehrmals am Tag der Verzehr von Obst und Gemüse.
Zur Gewichtsabnahme sollte die Energieaufnahme um etwa 300 bis 500 kcal unter dem Tagesbedarf liegen. Mit dieser Strategie lässt sich eine Gewichtsreduktion um etwa ein bis zwei Kilogramm pro Monat erreichen. Auch wenn der genannte Gewichtsverlust von 1-2 Kilogramm pro Monat dem Betroffenen als zu gering erscheinen mag, muss bedacht werden, dass es sich hierbei um eine langfristige Gewichtsreduktion handelt, die auch von Dauer sein soll. Eine weitere eigenmächtige Unterschreitung der Kalorienmenge sollte vermieden werden, um gesundheitliche Risiken auszuschließen und den berühmten „Jojo-Effekt“ zu vermeiden.
Muss aus medizinischen Gründen, beispielsweise vor einer Operation, ein kurzfristig hoher Gewichtsverlust erreicht werden, kommen auch Kostformen mit sehr niedriger Energiezufuhr (Gesamtenergiemenge 800 bis 1200 kcal pro Tag) in Betracht. Diese dürfen jedoch maximal 12 Wochen und nur unter ärztlicher Aufsicht beibehalten werden.

Bewegung

Körperliche Aktivität führt zu einem erhöhten Energieverbrauch und trägt zur Gewichtsreduktion und zur Gewichtsstabilisierung bei.
Ein Energieverbrauch von mindestens 2500 kcal pro Woche ist nötig um das Gewicht messbar zu reduzieren. Dies entspricht etwa 5 Stunden zusätzlicher körperlicher Bewegung pro Woche. Zur Erhaltung des Wunschgewichtes nach der ersten Phase der Gewichtsreduktion werden 3 bis 5 Stunden zusätzliche Bewegung empfohlen. Die gewählte Sportart und auch die Intensität der Bewegung muss dem gesundheitlichen Ausgangszustand des Betroffenen sowie seinen Neigungen entsprechen. Der oder die Betroffene sollte Spaß an der Bewegung haben und sie nicht als Strafe empfinden. Ausdauersportarten wie Wandern, Joggen, Walken und das gelenkschonende Schwimmen sind besonders empfehlenswert.

Bei besonders bewegungsarmen beruflichen Tätigkeiten empfiehlt es sich, jede Form der Bewegung zu nutzen. Oft hilft es schon, häufig benötigte Arbeitsgeräte ausserhalb der bequemen Reichweite zu platzieren, so dass eine sitzende Tätigkeit häufig unterbrochen werden muss. Auch die Benutzung der Treppe anstelle des Fahrstuhls sowie der Verzicht auf das Auto für kleinere Wege sind ratsam.

Verhaltenstherapie

Um das Körpergewicht auch langfristig stabil zu halten, müssen neben der Umstellung des Speiseplans auch häufig die bisherigen Lebensgewohnheiten umgestellt werden.
Sehr wichtig ist das Erlernen der langsamen Nahrungsaufnahme. Viele Betroffene nehmen sich keine Zeit für das Essen. So dass sich das Sättigungsgefühl erst dann einstellt, wenn sie bereits mehr Nahrung als nötig aufgenommen haben. Auch die Selbstbeobachtung des Ess- und Trinkverhaltens mit Hilfe eines Ernährungstagebuches kann sehr hilfreich sein. Dadurch können die auslösenden Faktoren, die zu Störungen des Essverhaltens führen, analysiert werden.

Medikamentöse Therapie

Eine zusätzliche medikamentöse Therapie kommt für übergewichtige Patienten mit einem Body Mass Index von mehr als 30 in Betracht, bei denen sich durch Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie nicht der gewünschte Erfolg einstellt. Die medikamentöse Therapie sollte auch nur dann fortgesetzt werden, wenn innerhalb der ersten 4 Wochen eine Gewichtsabnahme von wenigstens 2 Kilogramm zu verzeichnen ist.
Zur Zeit sind 2 Wirkstoffe zur Gewichtsreduktion zugelassen.

Orlistat

Zur Aufnahme und Verwerung von Fetten durch den Körper ist eine vorherige Spaltung dieser durch das Enzym Lipase notwendig. Orlistat hemmt das Enzym Lipase im Darm, so dass die Aufnahme von Fetten um etwa 30 Prozent reduziert wird. Mit dem Einsatz dieses Medikamentes kann eine zusätzliche Gewichtsreduktion um 2 Kilogramm erreicht werden. Häufige Nebenwirkungen sind weiche Stühle, gesteigerter Stuhldrang und Blähungen. Bei 5 bis 15 Prozent der Betroffenen kam es zu einer verminderten Aufnahme fettlöslicher Vitamine.

Sibutramin

Sibutramin hemmt im Gehirn den Botenstoff Serotonin, der bei Nahrungsaufnahme ausgeschüttet wird und das Sättigungsgefühl auslöst. Normalerweise strömt Serotonin nach einer bestimmten Zeit in die ausschüttenden Zellen zurück. Wird dieser Rückfluss jedoch durch Sibutramin verzögert, hält das Sättigungsgefühl länger an. Hierbei kann eine zusätzliche Gewichtsreduktion von 3 bis 6 Kilogramm erreicht werden. Häufige Nebenwirkungen sind trockener Mund, Verstopfung, Schwindel, Schlafstörungen, Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz.

Sibutramin darf nicht bei gleichzeitigem Vorliegen von Bluthochdruck, Herzerkrankungen und Grünem Star (Glaukom) angewendet werden!

Chirurgische Therapie

Eine chirurgische Therapie kommt ausschließlich bei Patienten mit einem BMI von 35 und darüber in Betracht, wenn alle anderen Therapieversuche erfolglos waren.
Die Verfahren der Wahl sind derzeit Eingriffe am Magen wie die Implantation eines anpassbaren Magenbandes. Dies hat zur Folge, dass der Betroffene nur noch kleinere Nahrungsportionen zu sich nehmen kann. Mit Hilfe dieses Verfahrens ist bei den meisten Patienten eine mittlere Gewichtsreduktion von 20 bis 30 Kilogramm innerhalb von 24 Monaten zu erreichen. Die Indikation zu dieser Maßnahme muss aber streng geprüft werden.

Eine Fettabsaugung (Liposuktion) ist ein Verfahren der plastischen Chirurgie, welches zur lokalen Entfernung überschüssiger Fettdepots eingesetzt werden kann.
Dieses Verfahren kann zur Behandlung der Adipositas nicht empfohlen werden. Insbesondere wird damit auch das Risikoprofil von Menschen mit Adipositas nicht verbessert.

Fazit

Je länger Übergewicht besteht und je stärker der Ausprägungsgrad ist, umso schwieriger gestaltet sich die Therapie und die Behandlung der adipositas-assoziierten Folgeerkrankungen. In einigen Fällen können diverse Folgeerkrankungen nicht mehr geheilt werden. Aus diesen und auch gesundheitswirtschaftlichen Aspekten müssen von Seiten der Gesundheitspolitik sowie von der Seite der Bevölkerung alle Anstrengungen unternommen werden, die Entstehung von Adipositas zu verhindern.


Gunilla Erdmann, freie Mitarbeiterin der Deutschen Diabetes-Klinik des Deutschen Diabetes-Zentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle:
1. Pfeiffer, A. F.: Zertifizierte Fortbildung. Adipositas. Ärztliche Praxis. Beilage zu Nr. 90/91. 09.11.2004

2. Hauner H, Hamann A, Husemann B, Liebermeister H, Wabitsch M, Westenhöfer J, Wiegand-Gloebinski W, Wirth A. Prävention und Therapie der Adipositas. Evidenzbasierte Diabetes-Leitlinie DDG. Hrsg. Deutsche Adipositas-Gesellschaft, Deutsche Diabetes-Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Diabetes und Stoffwechsel, Band 12, Suppl. 2 (Mai 2003)

Stand Juni 2005
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